Ich habe Omnivocal jetzt gründlich angeschaut und ehrlich gesagt verstehe ich nicht, wie so etwas in einer professionellen DAW überhaupt als Feature landen konnte - ohne klaren Hinweis darauf, dass es im Produktionsalltag praktisch keinen Nutzen hat. Und um bereits an dieser Stelle Missverständnissen vorzubeugen: Bei dieser Einschätzung meine ich noch nicht die Audio-Qualität des Plugins - sondern die Bedingungen unter denen es eingesetzt werden darf.
Wer ernsthaft mit Cubase arbeitet, sollte wissen, worauf er sich einlässt, und genau deshalb muss man das hier einmal ganz nüchtern einordnen.
Die kurze Version: Omnivocal ist kein Werkzeug, sondern ein Experiment, das praktisch nicht sinnvoll im Produktionsworkflow einsetzbar ist. Der Grund ist simpel: Die Rechte- und Nutzungsbedingungen verhindern praktisch jeden professionellen Einsatz. Für viele Nutzer dürfte das schlicht überraschend sein, weil die Darstellung in der Feature-Liste und das bunte Demo-Video etwas anderes suggerieren.
Damit man es klar sieht, hier die zentralen Punkte, die Omnivocal in der Praxis disqualifizieren:
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Kein kommerzieller Einsatz möglich
Der Output (Audio, MIDI, Voices) darf nicht ohne zusätzliche Genehmigung genutzt werden. Für reale Produktionen also völlig untauglich. -
Dienstleistungen auf Basis des Plugins verboten
Wer mixt, mastered, produziert oder Sounddesign für andere macht, darf Omnivocal nicht einsetzen. Damit scheidet es im professionellen Umfeld komplett aus. -
Potenzielle digitale Wasserzeichen in den erzeugten Daten
Und das Entfernen ist untersagt. Das ist ein enormer Risikofaktor für alle, die Output weiterverarbeiten oder veröffentlichen. -
Telemetrie über Google Firebase
Nicht inhaltlich, aber verhaltensbezogen. In einer DAW-Umgebung fragwürdig und für viele Setups schlicht unerwünscht. -
Beta-Status bei gleichzeitigem Marketing als “neues Feature”
Eine Beta ist kein Argument für ein Upgrade und sollte nicht im gleichen Atemzug mit produktionsreifen Tools präsentiert werden. -
Yamaha kann die Software jederzeit ändern oder einschränken
Für wiederholbare, stabile Produktionen unbrauchbar. Man kann sich nicht darauf verlassen, dass Omnivocal morgen noch das tut, was es heute tut.
Und jetzt kommt der Punkt, über den man noch gar nicht gesprochen hat: Das oben ist rein die theoretische Ebene. Wir reden hier ausschließlich über Rahmenbedingungen, ohne überhaupt zu bewerten, ob Omnivocal in der Lage ist, jenseits von simplen Backing-Vocals oder trivialen Ad-Libs überhaupt Output zu generieren, der professionellen Ansprüchen genügt.
Wenn man diese Punkte zusammennimmt, bleibt nichts übrig, was man sinnvoll in einen professionellen Workflow integrieren könnte. Und selbst Einsteiger sollten verstehen: Ein Tool, dessen Output nicht genutzt werden darf, ist am Ende nicht mehr als eine Fingerübung, eine Gelegenheit Zeit zu verschwenden ohne verwertbare Ergebnisse zu erzielen.
Und bevor jemand argumentiert, man könne Omnivocal ja wenigstens für Songwriting oder das Ausprobieren von Vocal-Ideen nutzen: Auch da sollte man ehrlich über Aufwand und Nutzen nachdenken. Für diesen Zweck braucht es kein rechtlich derart vermintes Beta-Plugin. Wer eine Gesangslinie entwickeln will, nimmt ein Mikrofon, summt eine Melodie oder nutzt im Zweifel minimal Pitch-Correction - das geht schneller, spontaner und vor allem völlig rechtlich risikofrei und leitet keine Nutzungsdaten aus.
Kurz gefasst: Die Lizenzbedingungen, denen man vollständig zustimmen muss, sind für jede ernsthafte Form der Musikproduktion untragbar. Sie sind zudem so weit gefasst, dass Yamaha sie jederzeit ändern kann. Bei einer halbwegs seriösen Risikobewertung fällt dieses Plugin in vollem Umfang durch. Angemessen würdigen kann man diese Tatsache im Grunde nur durch Nicht-Nutzung oder Deinstallation.
Genau deshalb irritiert mich die Integration in Cubase 15. Das Plugin trägt nichts zum Wert des Produkts bei, sondern wirkt eher wie ein Fremdkörper aus einer ganz anderen Produktstrategie.
Daher die ehrliche Frage an Steinberg: Weshalb wird ein derart eingeschränktes, rechtlich problematisches und funktional unreifes Beta-Tool als Teil von Cubase 15 ausgeliefert - und warum nicht konsequent als optionaler Download außerhalb der Feature-Liste geführt?
Ich würde Omnivocal aus Cubase 15 tatsächlich vollständig entfernen. Es bietet faktisch keinen Mehrwert, keinen Workflow-Vorteil und keinen professionellen Nutzen. Wenn Cubase etwas nicht nötig hat, dann genau so etwas.